Psychische Erkrankungen: Übersicht

Depression Stress Mobbing
BurnOut-Syndrom Angst Hospitalismus
Deprivationssyndrom Kinderheimkinder

 

 

Depression

 

 

(von lat. deprimere „niederdrücken“)

Psychische oder affektive Störung (bedeutsame Veränderung der Stimmungslage)

Häufigste auftretende psychische Störung

(Deutschland etwa vier Millionen Menschen betroffen und circa zehn Millionen Menschen hatten bis zum 65. Lebensjahr eine Depression - hohe Dunkelziffer)

Familiäre Disposition

 

Symptome:

Psychisch:

Stimmungseinengung (Verlust der Fähigkeit zu Freude oder Trauer);  „Gefühl der Gefühllosigkeit“; Gefühl anhaltender innerer Leere; Sinnlosigkeit ihres Lebens; Zukunftsangst; Hoffnungslosigkeit, gestörtes Selbstwertgefühl, Hilflosigkeit; Antriebshemmung; Hemmung von Bewegung und Initiative; innere Unruhe; verringerte Konzentration; verlangsamtes Denken; Grübelzwang; Neigung zu röhrenförmigen Denken, gestörte Orientierung (besonders zeitliche); Reizbarkeit (bis offene Aggressionen); Ängstlichkeit; Überbewertung negativer Gedanken, Erlebnisse, Erfahrungen und Eindrücken; erhöhte Risikobereitschaft; Suchtgefahr

Physisch:

Verminderte Immunabwehr; gestörter Schlaf und Tagesrhythmus; erhöhte Ermüdbarkeit; vermindertes oder erloschenes Interesse an Sexualität, übersteigerte Geräuschempfindlichkeit; Gewichtsschwankungen („Kummerspeck“, Gewichtsabnahme); Appetitlosigkeit; Schmerzen

Sozial:

Rückzug, Isolation, Selbstentwertung; Schuldgefühle; verringerte Entscheidungsfähigkeit;

 

Therapie:

Psychotherapie 

Medikamentös (Antidepressiva)

 

Suizidgefahr!

 

Lernzielkontrolle

Vulnerabilität bedeutet „Verwundbarkeit“ oder „Verletzbarkeit“

 

 

Bipolare affektive StörungWechsel Depressionen und Manie/ Hypomanie (früher manisch-depressive Erkrankung)

 

 

 

 

Stress

Untersuchungen in Europa ergaben

  • 50 % bis 60 % aller Krankheitstage von Arbeitnehmern stehen mit Stress in Verbindung
  • die Kosten für ausgefallene Arbeitsstunden und Behandlung der stressbedingten Erkrankungen kosten die Länder Milliarden Euros

Stress wird ausgelöst durch Stressoren  (= belastende Reize). 

Zum Beispiel:

  • chemische Stressoren (wie Drogen, Chemikalien)
  • körperliche Stressoren (wie Hitze, Lärm, Hunger, Krankheiten)
  • seelische Stressoren (wie Versagensängste, Zeitdruck, Über- Unterforderung)
  • soziale Stressoren (wie Konflikte, Verlust von Angehörigen, Isolation) 
  • strukturelle Stressoren (wie Bürokratismus, Hierarchien, unklare Kompetenzen)
  • berufliche Stressoren (wie monotone Beschäftigungen, z. B.  Fließbandarbeit; Beschäftigungen mit einseitiger Belastung der Sinne,  z. B. Bildschirmarbeit; Beschäftigungen mit gestörtem Biorhythmus, z. B. Schichtarbeit)
  • Kulturelle Stressoren (Rollenkonflikte, unterschiedliche Wertvorstellungen)
  • personenbedingte Stressoren (Übermotivierung, Unsicherheit, Ängste) 

 

Der österreich-kanadische Mediziner Hans Selye (mit ungarischer Abstammung), geboren 26.1.1907 in Wien, gestorben am 16.10.1982 in Montreal, entwickelte in den 1930er Jahren die Grundlagen für die Lehre vom Stress.

 

Nach seinem Konzept unterscheidet man zwei Arten von Stress: 

  • positiver Stress (Eustress)
  • negativer Stress (Disstress)

Positiver Stress

  • überlebenswichtig bei Gefahr und großen Anforderungen
  • steigert Aufmerksamkkeit und Konzentration
  • fördert die maximale Leistungsfähigkeit des Körpers

 

Negativer Stress

  • Stresssituationen ohne körperlichen Ausgleich
  • fehlende oder unzureichende Copings zur Stressbewältigung

 

Folgen negativen Stresses:

  • gesundheitliche Schäden
  • körperliche, seelische, geistige Beeinträchtigungen
  • Entwicklung von chronischem Stress
  • Burnout-Syndrom

 

Bei Stress wird das Nebennierenhormon Cortisol ausgeschüttet, dass den Stoffwechsel aktiviert und den Fett-, Kohlenhydrat- und Proteinstoffwechsel beeinflusst. Dadurch wird eine schnelle Energieversorgung gewährleistet, um den Körper auf Stressreaktionen wie Flucht oder Kampf vorzubereiten. Normalerweise ist die Cortisolkonzentration morgens am höchsten, fällt im Tagesablauf stark ab und ist abends am niedrigsten, um den Körper auf die Ruhe- und Erholungsphase in der Nacht vorzubereiten. Dieser Tag-, Nachtrhythmus ist bei chronischem Stress gestört. Eine übermäßige Ausschüttung führt zu dauerhaften Schäden wie verringerte Ausschüttung von Sexualhormonen, Muskelschwäche, Depression, Burnout, Erschöpfungszustände, Schlaf-, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Bluthochdruck, geschwächtes Immunsystem, erschwerte Glukoseverwertung in den Zellen, erhöhtes Diabetesrisiko, verstärkter Abbau und verminderte Aufnahme von Calcium, wodurch die Knochensubstanz geschädigt wird, erhöhter Körperfettanteil und Umverteilung der Fettmasse (Bauch-, Rumpfbereich), Hemmung der Schilddrüsenhormone und dadurch Einschränkung der Schilddrüsenfunktion.

 

Das im Nebennierenmark gebildete Adrenalin ist ein Stresshormon mit ähnlicher Wirkung wie Cortisol, also zuständig für die rasche Bereitstellung von Energiereserven, die in gefährlichen Situationen das Überleben sichern sollen. Im Gegensatz zu Cortisol, dass langsamer freigesetzt wird, wird Adrenalin in extremen Stresssituationen besonders stark ausgeschüttet und wirkt vor allem auf das Herz-Kreislauf-System. Das zentrale Blutvolumen steigt, kleine Blutgefäße werden verengt (besonders Haut, Nieren), zentrale und muskelversorgende Blutgefäße erweitert, die Herzfrequenz erhöht, Erregungsleitungen beschleunigt, die Muskelarbeit erhöht und die Reizschwelle gesenkt. Große Mengen von Adrenalin lassen die glatte Muskulatur erschlaffen, wodurch nicht akut benötigte Prozesse wie beispielsweise die Verdauung vorübergehend inaktiviert werden. Dadurch werden auch die Bronchien erweitert. Außerdem wird die Atmung beschleunigt und intensiviert. Der Fettabbau wird gesteigert, Glukose wird verstärkt freigesetzt, wodurch der Blutzuckerspiegel steigt und die Insulinproduktion gehemmt wird. Ein hoher Adrenalinspiegel kann sich bemerkbar machen durch eine erhöhte Schweißproduktion, Gänsehaut, Pupillenerweiterung und trockener Mund. 

 

Noradrenalin ist ein Neurotransmitter (Botenstoff) und ein Hormon. Es wird vom Körper im Nebennierenmark und im Gehirn produziert. Die Wirkung ist dem Adrenalin ähnlich, der chemische Aufbau weicht vom Adrenalin ab. Auch das Noradrenalin regt das Herz-Kreislaufsystem an. Eine erhöhte Konzentration an Noradrenalin lässt sich bei der Herzinsuffizienz feststellen.

 

Dopamin ist ein wichtiger Neurotransmitter und die Vorstufe von den Hormonen Noradrenalin und Adrenalin. Dopamin beeinflusst Bewegung, Koordination, Steuerung der Muskulatur, Durchblutung, Konzentration, Wohlbefinden und Motivation.  Bei Dopaminmangel steigt das Hungergefühl und das Sättigungsgefühl tritt verzögert auf. Parkinsonkranke haben einen Dopaminmangel. Zuviel Dopamin wirkt neurotoxisch (neuro = betrifft Nervenzellen, toxisch = giftig). Außer den Schädigungen am Nervengewebe kommt es zu unterschiedlichen Beschwerden wie Antriebslosigkeit und chronischen Erschöpfungszuständen.

 

Auch Serotonin ist ein wichtiger Neurotransmitter und die Vorstufe des Hormons Melatonin. Bei chronischem Stress sinkt die Serotoninausschüttung durch einen Tryptophanmangel (Bestimmte Aminosäuren, die im menschlichen Körper zu Serotonin umgewandelt werden). Serotonin reguliert zum Beispiel die Spannung der Blutgefäße und wirkt auf die Magen-Darm-Tätigkeit und die Signalübertragung im Zentralnervensystem. Es wirkt insbesondere auf die Stimmungslage. Zuviel Serotin führt zu Halluzinationen. Ein Serotoninmangel führt zu Ängsten, Depressionen,Schlafstörungen, mangelhafte Appetitkontrolle, Erschöpfungszustände, Migräne, innere Unruhe, Muskelschmerzen, mangelnde Motivation und impulsiven Aggressionen. 

 

Beim Abbau von Tryptophan bilden sich andere Aminosäuren (Kynurenin), die wiederum einen großen Einfluss auf das Immunsystem haben. 

 

ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) ist ein Hormon, dass im Gehirn ( Hypophysenvorderlappen) gebildet wird. Es regt die Tätigkeit der Nebennierenrinde an. Erhöhte ACTH-Werte lassen sich bei Kälte, Stress und verschiedenen Krankheiten feststellen. 

 

CRH (Corticotropin-releasing Hormone) besteht aus 41 Aminosäuren und wird im Gehirn (Hypothalamus) gebildet. Es stimuliert die Ausschüttung von ACTH und den Sympathikus (Teil des vegetativen Nervensystems). Morgens ist die Ausschüttung normalerweise stärker als abends.

 

Chronischer Stress macht krank!

  • Das Cortisol schädigt mit der Zeit die Gehirnzellen. 
  • Die verminderte Darmtätigkeit und mangelhafte Blutversorgung der Magen- und Darmschleimhäute werden die Organe anfälliger für Geschwüre und andere Erkrankungen.
  • Schwächung des Immunsystems und damit erhöhtes Infektrisiko.
  • Erhöhter Blutdruck und Herzschlag verringern die Elastizität der Blutgefäße.
  • Ständige Erregung des Sympathikus (Teil des vegetativen Nervensystems) erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen.
  • Durch den erhöhten Zuckerspiegel steigt das Risiko für Lebererkrankungen, aber auch anderer Organe.
  • Der erhöhte Cholesterinspiegel fördert die Gefahr von Thrombenbildung (Apoplex, Thrombose, Herzinfarkt, Lungenembolie).
  • Der erhöhte Muskeltonus (Tonus = Spannungszustand der Muskulatur) verursacht Verspannungen, Haltungs- und Gelenksschäden und anhaltende Kopfschmerzen.
  • Stresshormone, Überbeanspruchung und Dauerbelastung führen zu einer Atrophie ("Verkümmerung") des Hippocampus mit weitreichenden Auswirkungen auf die psychische und seelische Gesundheit.
    • Ängste
    • Depressionen
    • Denkblockaden
    • Müdigkeit
    • Konzentrationsstörungen
    • Emotionale Taubheit
    • Aggressivität
    • Gereiztheit
    • Sozialer Rückzug, Isolation
    • Unruhe, "Aktivismus"
    • Orientierungslosigkeit
    • Halluzinationen
    • Vergesslichkeit
    • Depersonalisation
    • Verminderte Kreativität
    • und andere

Kinder zeigen als Symptome für chronischen Stress: "Klammern", Daumenlutschen, Bettnässen, Ängste (vor Dunkelheit, vor der Nacht, vor Tieren, "fremdeln"), Sprachauffälligkeiten (Stottern oder Stammeln), Wehleidigkeit, Eifersucht, Alpträume, Schlafstörungen, Interesselosigkeit, Obstipation, Diarrhoe, Essstörungen, starkes Schwitzen, Rückzug, Mittelpunktstreben, kauen an den Fingernägeln, Konzentrationsstörungen, Hautprobleme, erhöhte Aggressivität, Unruhe mit häufig starkem Bewegungsdrang. Durch chronischen Stress können Kinder massiv in der altersmäßigen Entwicklung zurückbleiben, sowohl körperlich wie geistig. 

 

 

Mobbing

Mobbing ist keine Krankheit, macht aber krank. Es kann die Ursache für soziale Schwierigkeiten, seelische und körperliche Erkrankungen sein.

  • Soziale Schwierigkeiten: z. B. Isolation, Vereinsamung, gestörtes Selbstbewusstsein, mangelndes Selbstwertgefühl, Verhaltensauffälligkeiten, Kontaktschwierigkeiten, Misstrauen, aggressives Verhalten sich selber und anderen gegenüber
  • Seelische Erkrankungen: z. B. Nervosität, Depressionen, Erschöpfungszustände, Angstzustände, Albträume, gestörte Selbstwahrnehmung, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Hilflosigkeit, stark reduzierte Leistungsfähigkeit
  • Körperliche Beschwerden: Z. B. Kopfschmerzen, Magen-Darm-Erkrankungen, Hörsturz, Tinnitus, Herz-Kreislaufprobleme, geschwächtes Immunsystem, Atemwegserkrankungen, Verspannungen mit Auswirkungen auf den Stütz- und Bewegungsapparat
  • Dazu kommt eine erhöhte Suizidalität, BurnOut- und Suchtgefahr.

Obwohl Mobbing keine Erkrankung ist, muss es betreffs Ursache für Erkrankungen beachtet werden.

Der Begriff Mobbing kommt aus dem Englischen (mob =  Mob, Pöbel, Gesindel, Gang oder Bande). Im Englischen heißt Mobbing bullying. Der Bully ist im Englischen der Täter, also der, der Mobbing ausführt (to bully = tyrannisieren, schikanieren, drangsalieren, einschüchtern).

Diese Begriffe verdeutlichen, was Mobbing ist: Eine Person wird systematisch über einen längeren Zeitraum schikaniert oder terrorisiert. Mobbing ist in allen sozialen Gruppen möglich, auch im Internet (Cyber-Mobbing). Dr. Mechthild Schäfer und Stefan Korn bezeichnen Mobbing als „wiederholten und systematischen Missbrauch einer sozialen Machtposition.“ (In: Deutsches Kinderhilfswerk e.V., Kinderreport Deutschland 2004, „Mobbing in der Schule“).

 

Der Bully

Der Bully oder Mobber wird in der Regel als feige, dumm, hinterhältig, asozial oder brutal beschrieben. In der Realität sind Bullies an kein Geschlecht gebunden und als solche nicht auf den ersten Blick erkennbar. Im Wesen können sich Bullies massiv unterscheiden. Sie treten häufig sehr charmant und freundlich auf oder verstecken sich hinter einer überkorrekten Maske oder erscheinen launisch, heute aggressiv, morgen fast verständnisvoll und einfühlsam oder reagieren extrem emotional oder oder. In den seltensten Fällen geht der Bully offen mit seinem Mobbing um. Meist ist er dann das Werkzeug eines intelligenteren Mobbers, der sich dezent im Hintergrund hält. Bullies haben meist ausgeprägte soziokognitive Fähigkeiten, was dem Vorurteil von dumm widerspricht. Innerhalb der Gruppe sind sie wenig beliebt, aber einflussreich. Bullies laufen Gefahr, früher oder später selbst zum Opfer zu werden.

Es gibt unterschiedliche Gründe zur Motivation zum Mobbing  wie beispielsweise Machtgewinn, Dominanzstreben, Prestige, Neid, Angst, Aufwertung der eigenen Person, Lustgewinn, eigener Minderwertigkeitskomplex.

 

Das Opfer

Opfer werden gerne als dick, schwach, sensibel, unsympathisch beschrieben. Sie sollen etwas an sich haben, was vom „Normalen“ abweicht. Da jeder Mensch anders ist, gibt es nicht „das Normale“. In einer Gruppe von Brillenträgern entspricht der ohne Brille nicht der Norm. Das bedeutet, dass jeder ein Mobbingopfer werden kann.

 

Ursache des Mobbing

Selten sind Konflikte zwischen zwei Menschen die Ursache für Mobbing. Begünstigende Faktoren für Mobbing sind unter anderem ein schlechtes Arbeitsklima, Existenzängste, Unter- oder Überforderung, Arbeitsüberlastung, fehlendes Konfliktmanagement, undefinierte Kompetenzbereiche, Hierarchie, Verständigungsprobleme, mangelnder Respekt, extremer Leistungsdruck, außerbetriebliche Probleme, erhebliche soziale Unterschiede oder Bildungsstand in einer Gruppe und oder die Neustrukturierung einer Gruppe.

 

Mobbingrollen

Bully und Opfer haben nur vordergründig eindeutige Rollen, denn das Opfer kann selber ein Bully sein oder werden, der Bully ebenso Opfer. Doch Mobbing geht über die beiden Rollen hinaus. Dazu gehören auch die Rollen in der Gruppe.

 

Unterstützer fangen selber kein Mobbing an, machen aber mit und verstärken den Bully.

 

Verteidiger lehnen Mobbing ab, beziehen Positionen für das Opfer und versuchen, ihm zu helfen.

 

Beobachter sind meist die größte Gruppe. In der Regel lehnen sie Mobbing ab, verfügen aber anscheinend nicht über Handlungsstrategien zur Intervention und halten sich raus.

 

Problematisch ist, dass Verteidiger und Beobachter zwar Mobbing ablehnen, normalerweise aber niemanden außerhalb der Gruppe informieren, sodass auch keine Hilfe von Außenstehenden kommt. Können die Verteidiger mehr Beobachter auf ihre Seite ziehen, könnten sie das Mobbing beenden. Gelingt es ihnen nicht, nimmt das Mobbing zu, viele Verteidiger resignieren und kommen zu dem Schluss, das Opfer sei selber Schuld an dieser Situation. Die Hemmschwelle der Bullies sinkt und das Mobbing eskaliert.

 

Was passiert beim Mobbing?

Die Möglichkeiten der Kommunikation des Opfers werden erheblich eingeschränkt durch ständiges Unterbrechen, nicht zu Worte kommen lassen, nicht hinhören, ignorieren, anschreien, ausweichen. Das Opfer wird in all seinen Lebensbereichen kritisiert. Seine Intim- und Privatsphäre wird vorsätzlich verletzt. Es ist verbalen und schriftlichen Bedrohungen ausgesetzt. Arbeitsmäßig wird das Opfer nur zum Schein beschäftigt, über- oder unterfordert, von Kollegen oder Mitschülern isoliert. Gesundheitsgefährdende oder entwürdigende Arbeiten werden verlangt, Hilfsmittel verweigert. Engagement und Arbeitseinsatz werden bewusst falsch beurteilt, seine Entscheidungen angezweifelt. Das Opfer erhält keine relevanten Informationen oder Falschinformationen. Der Kontakt mit dem Mobbingopfer wird gemieden oder verweigert. Das soziale Ansehen wird untergraben, zum Beispiel durch Verleumdungen, bösartige Gerüchte, übler Nachrede, Intrigen. Dem Betroffenen werden psychische Erkrankungen unterstellt. Das Opfer wird lächerlich gemacht, gedemütigt, nachgeäfft. Betritt er einen Raum, schweigen die Kollegen, hinter seinem Rücken wird merklich getuschelt. Religion, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Alter, Beeinträchtigungen seelischer oder körperlicher Art des Opfers werden hervorgehoben, gebrandmarkt, lächerlich gemacht. Das Opfer wird mit obszönen Schimpfwörtern oder sexuellen Übergriffen konfrontiert. Es erleidet finanziellen Schaden. Mobbing kann so weit gehen, dass das Opfer sogar körperlicher Gewalt ausgesetzt ist.

 

 

 BurnOut-Syndrom 

 

Für den Begriff BurnOut existieren unterschiedliche Bezeichnungen und Schreibweisen: Burn-Out, Burnout, Burnoutsyndrom, BurnOut-Syndrom. Der Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet "ausbrennen" oder "ausgebrannt sein". Gemeint ist ein berufsbezogenes Erschöpfungssyndrom. Das Wort Syndrom weist darauf hin, dass es bei dieser Erkrankung typische Symptome gibt, die auftreten können aber nicht müssen. Der Psychoanalytiker Herbert Freudenberg beschrieb 1974 erstmalig die Krankheit als einen Zustand völliger körperlicher, geistiger und emotionaler Erschöpfung und meinte damit nicht eine normale Arbeitsmüdigkeit, die jeder Mensch einmal erlebt.
 
Bisher ist das BurnOut-Syndrom medizinisch nur unzureichend erforscht. So existiert bisher keine medizinisch verbindliche Definition noch ein allgemeingültiges Instrument für die Diagnostik. Durch diese Unsicherheit wird der Begriff sehr inflationär benutzt und ist eine häufige "Modediagnose".
 
Besonders anfällig für das BurnOut-Syndrom sind Menschen in sozialen Berufen wie beispielsweise Gesundheits- und Kranken-, Alten-, Heilerziehungs-, Kinderpfleger, Erzieher, Lehrer, Therapeuten. Es betrifft also überwiegend die Berufe, die eng mit Menschen zusammenarbeiten, wobei die Übernahme der Verantwortung sehr einseitig ist. Es können  aber auch zum Beispiel Manager oder Arbeitslose betroffen sein.
 
BurnOut ist eine schwerwiegende Stresserkrankung, die aber nicht von einem einzigen Stressfaktor verursacht wird, sondern durch eine Kombination von arbeitsbedingten und persönlichen Stressfaktoren. Man "brennt" nicht von einem Tag zum anderen "aus", sondern es ist ein schleichender Prozess, der in mehreren Stufen oder Phasen abläuft mit typischen Symptomen. Es gibt unterschiedliche Modelle des BurnOut-Syndroms mit drei bis 15 Phasen und da wiederum mit unterschiedlichen Bezeichnungen, was die Verwirrung perfekt macht. Die amerikanischen Psychiater Jerry Edelwich und Archie Brodsky stellten 1980 ein Fünf-Phasen-Modell vor. Später fassten sie die zweite und dritte Phase zusammen, sodass ab 1984 ein Vier-Phasen-Modell favorisiert wird, wobei durch unterschiedliche Übersetzungen unterschiedliche Phasenbezeichnungen existieren.
 
 
  
 
 
Fördernde Bedingungen für ein BurnOut-Syndrom
 
 
Fördernde Bedingungen eines BurnOut-Syndroms durch die Arbeit:
 
Zeitdruck, fehlende Verantwortungsteilung, unklare Rollen, unstrukturierte Aufgaben- und Kompetenzbereiche,  ungenaue Ziele, mangelhafte Organisation, hoher Krankenstand und häufiges “Einspringen” oder Überstunden, mangelnde Informationen, ständige Über- oder Unterforderung, fehlende Akzeptanz oder Anerkennung der geleisteten Arbeit durch Vorgesetzte, fehlende Supervision.
 
Fördernde Bedingungen eines BurnOut-Syndroms durch die eigene Persönlichkeit:
 
Zu hoher Idealismus, fehlende oder fehlerhafte Selbsteinschätzung, hohe Emotionalität, Perfektionismus, überhöhte Ansprüche an sich selbst, Helfersyndrom, mangelhafte Selbstpflege, Doppelbelastung durch Familie (Hausarbeit) und Beruf, fehlende professionelle Distanz.
 
Fördernde Bedingungen eines BurnOut-Syndroms durch die Umwelt:
 
Fehlende persönliche und berufliche Anerkennung durch Bekanntenkreis, Familie und Gesellschaft, übermäßige Erwartung der Gesellschaft an die sozialen Berufe.
 
 
Vermeidung eines BurnOut-Syndroms
 
Vermeidung eines BurnOut-Syndroms durch die Arbeit:
 
Regelmäßige Supervision: Das Wort Supervision kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "Über-Blick". Es ist eine Form der Beratung für Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen. Diese Beratung wird durch einen Supervisor geleitet, der möglichst nicht aus dem internen Arbeitsbereich kommt sondern von außerhalb (Neutralität, Objektivität). Der Supervisor hat eine Schweigepflicht und muss den Datenschutz gewährleisten. Ziel der Beratung ist die gestützte Reflexion (Z.B. Rolle, Zusammenarbeit im Team, Organisation), Verbesserung des Arbeitsalltags und Zielvereinbarungen. 
 
 
Unabdingbar sind außerdem kompetente und informierte Führungspersönlichkeiten (Z.B. Pflegedienstleitung, Heimleitung), regelmäßige Teamsitzungen, gemeinsame Veranstaltungen (Z.B. Betriebsausflüge, gemeinsame Feiern), Fortbildungsmaßnahmen, angepasste Arbeitszeiten (Z.B. Teil- oder Gleitzeit), Unterstützung bei der Kinderbetreuung und ein funktionierendes Qualitätsmanagement.
 
Vermeidung eines BurnOut-Syndroms durch die eigene Persönlichkeit:
 
Intensive Selbstpflege (Z.B. Tagesplan, Wochenplan), Reflexion, Wissen, erlernen vom richtigen Verhältnis Nähe und Distanz.
 
Vermeidung eines BurnOut-Syndroms durch die Umwelt:
 
Realistische Einschätzung der sozialen Berufe (Z.B. Informationen, Aufklärung, Wissen, Aufwertung der Berufe, Abbau von Vorurteilen)
 
Die Gesellschaft müsste ein großes Interesse an der Vermeidung eines BurnOut-Syndroms haben. Denn ein BurnOut erfordert langwierige und teure Therapien mit oft zweifelhaftem Ausgang. Denn viele Patienten mit BurnOut sind über lange Zeiträume, schlimmstenfalls für immer, arbeitsunfähig. Vergeudete Ausbildungskosten, teure Kranken-, Kurbehandlungen und Therapien, krankheitsbedingte Ausfallzeiten, Frührenten, Ausfall von Steuergeldern stellen einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden dar, ganz abgesehen von dem Leid der Betroffenen. Die physischen Belastungen am Arbeitsplatz sind in den letzten Jahrzehnten spürbar zurückgegangen, doch die psychischen Belastungen und Arbeitsverdichtung erheblich gestiegen. Experten schätzten, dass 2011 etwa neun Millionen Menschen vom BurnOut-Syndrom betroffen waren. Das kostete Deutschland im Jahr etwa 6,3 Milliarden Euro.
 
 
Süddeutsche.de                                                                                       27.09.2011, 14:50
 
Burn-out
"Hier tickt eine gesellschaftliche Zeitbombe"
 
Überlange Arbeitszeiten, unfähige Chefs und ein kaum zu bewältigendes Arbeitspensum: Immer mehr Arbeitnehmer leiden nach Erkenntnissen der IG Metall unter psychischen Erkrankungen. Die Gewerkschaft fordert gesetzlichen Schutz vor zu viel Stress - in anderen Ländern gibt es das längst.
 
Die "explosive Zunahme" psychischer Erkrankungen bei Arbeitnehmern wird nach Einschätzung der IG Metall zunehmend zur Gefahr für Wirtschaft und Gesellschaft. "Hier tickt nichts Geringeres als eine gesellschaftliche Zeitbombe", warnte IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban in Berlin. Immer häufiger litten Beschäftigte am Burn-out-Syndrom, Hilfsangebote oder gar Prävention am Arbeitsplatz gebe es aber kaum.
 
Um die Arbeitnehmer vor immer mehr Arbeitsverdichtung, vor psychischer und physischer Erschöpfung zu schützen, forderte er deshalb vom Gesetzgeber eine Anti-Stress-Verordnung nach dem Vorbild anderer Länder. Ähnlich wie bei Vorschriften zum Lärmschutz müssten daher von Arbeitgebern und Politik belastbare Vorgaben ausgearbeitet werden, um Angestellte besser vor Stress zu schützen.
 
In einer Blitzumfrage hatte die Gewerkschaft knapp 4000 Betriebsräte in ihrem Organisationsbereich zu Stress und Burn-out am Arbeitsplatz befragt. Dabei gaben 86 Prozent an, dass der Anstieg psychischer Erkrankungen in ihrem Betrieb als ernstes Problem wahrgenommen werde. Etwa 40 Prozent der Betriebsräte hätten von einer starken oder sehr starken Zunahme psychischer Erkrankungen berichtet.
 
69 Prozent der Befragten beklagten fehlende oder nicht ausreichende Hilfsangebote für Erkrankte, und 73 Prozent waren der Meinung, es müsse mehr für den Gesundheitsschutz getan werden.
 
Die Studie sei zwar nur eine Momentaufnahme, bestätige aber andere Studien etwa von Krankenkassen, sagte Urban. So seien nach Angaben des Wissenschaftlichen Instituts der AOK 2010 knapp 100.000 Menschen mit einer Diagnose krankgeschrieben worden, die auf ein Burn-out-Syndrom hindeute. Psychische Erkrankungen verursachten jährlich Behandlungskosten von 27 Milliarden Euro, der Produktionsausfall belaufe sich auf weitere 26 Milliarden.
 
"Die Kosten zahlen die Beschäftigten"
 
Um hier gegenzusteuern, forderte Urban gesetzlichen Druck auf die Unternehmen zur Verbesserung der Bedingungen. So gebe es in Frankreich, Italien und mehreren skandinavischen Ländern Vorschriften zum Arbeitsschutz gegen Stress, sagte er. Bekannte Auslöser für psychische Erkrankungen seien etwa überlange Arbeitszeiten, Über- oder Unterforderung, ein schlechtes Führungsverhalten der Vorgesetzten sowie ein zu hohes Arbeitspensum.
 
Zudem habe die Wirtschafts- und Finanzkrise und die damit verbundene Unsicherheit viele Arbeitnehmer belastet. "Die Wirtschaft hat die Krise überwunden, aber die Kosten zahlen die Beschäftigten", sagte Urban. Mit 68 Prozent gaben mehr als zwei Drittel der Betriebsräte in der Umfrage an, Stress und Leistungsdruck in ihrem Unternehmen seien seit der Krise erheblich gestiegen. Die Gesundheit dürfe aber nicht hinter betriebswirtschaftlichen Erfolgszahlen zurückstehen, sagte Urban.
 
 
(dapd/dpa/gal/mri)
 
 
 
 
 

 

Angst

 

BR Mediathek Gefühlswelten Keine Angst vor der Angst

 
 
 
 

Hospitalismus

  • Körperliche und seelische Folge eines langen Krankenhaus-,  Heimaufenthalts (mangelnde Umsorgung, lieblose Behandlung von Babys und Kindern; auch Folge von Folter oder Isolationshaft)
  • Psychischer Hospitalismus (Deprivationssyndrom, lateinisch deprivare - berauben von Reizen und Zuwendung)
  • Infektiöser Hospitalismus (Nosokomiale Infektion, durch Klinikaufenthalt verursachte Infektionen wie z.B. verunreinigte Flächen, Pflegeutensilien, Hände oder Antibiotika-Resistenz)
  • Physiologischer Hospitalismus  (Sämtliche körperlichen Verletzungen, die nicht eine bakterielle Ursache haben wie Verabreichung von falschen Medikamenten, falsche Dosierung, ungesicherte Medikamente, Decubitus, mangelhafte oder falsche Krankengymnastik, fehlende Therapie-, Freizeitangebote, zu wenig Außenkontakte, freiheitsentziehende Maßnahmen, Sedierung, Liegen lassen in Kot und Urin, ungenügende Nahrungszufuhr, unzureichende Flüssigkeitszufuhr) 

 

Schwerste Form des Hospitalismus: Kaspar-Hauser-Syndrom

 

 Völliger Reizentzug in Kombination mit Misshandlung bzw. Gefangenschaft

 

 Folge: gestörte Entwicklung, körperliche und geistige Zurückgebliebenheit, extreme Ängstlichkeit

 

 

Beispiel Rumänien: Unter der Herrschaft Ceausescus vegetierten im Kinderheim „Cighid“ bis 1990 über 100 Kinder in Gitterbetten, Dreck, Kälte, mangelnder Bekleidung, Mangelernährung und fehlender menschlicher Zuwendung dahin. Folgen: unzählige Kinder starben, die überlebenden Kinder konnten nicht kriechen oder laufen und waren geistig massiv zurückgeblieben.

 

Psychischer Hospitalismus (Deprivationssyndrom)  

Hospitalismusfördernd ist das Fehlen optischer sowie akustischer Stimulation


> Entwicklungsverzögerungen, Entwicklungsstörungen

> Unpersönliche oder lieblose Betreuung

> Mangelhafte individuelle Zuwendung

> Mangel an Reizen

> Misshandlung

 

Ursachen in der Mutter-, Kindbeziehung im ersten Lebensjahr

Widersprüchliches Mutterverhalten (z.B. mit Freundlichkeit verdeckte Ablehnung)

Aktive und passive Ablehnung des Kindes

Überfürsorglichkeit (Luxusverwahrlosung)

Abwechselnde Feindseligkeit und Verwöhnung

 

Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen

Z.B. wenn sie sich selbst überlassen werden.

 

Luxusverwahrlosung

Entzug von Reizen durch Überbehütung.

 

Stationärer Hospitalismus

> Lieblose Betreuung

> Isolation von der übrigen Bevölkerung

> „Fließband-Abfertigung“

> Ständiger „Zeitdruck“

 

Alteneinrichtungen, Pflegeheime, Kinderheime, Krankenhäuser, Psychiatrien, überforderte Familien 

 

Hospitalismus und Autismus

 

Schwer trennbar, da ähnliche Symptome

 

Trennung nur möglich außerhalb einer hospitalisierenden Umgebung:

  • Symptome von Hospitalismus klingen ab
  • Symptome bei Autismus bleiben 

 

Mögliche Symptome

  • Erhöhte Krankheitsanfälligkeit (vermehrt Infektionskrankheiten)
  • Erhöhte Sterblichkeit der Säuglinge und Kinder
  • Appetitstörungen
  • Motorische Verlangsamung
  • Ungenügende Reaktionsfähigkeit 
  • Passivität, emotionale Stumpfheit
  • Teilnahmslosigkeit bis zur Apathie 
  • Kontaktstörungen (Autismus)
  • Wahrnehmungsstörungen (Autismus)
  • Erzwingen von Aufmerksamkeit (auch negativ wie stehlen, lügen) 
  • Resignation
  • Depressionen 
  • Anaklitische Depression (Ahhängig, hilflos, Angst vor Verlust z.B. Kontakt)
  • Bindungsstörungen
  • Anpassungsstörungen
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung
  • motorische Unruhe (z.B. ständiges Umhergehen)
  • Stereotypien (z.B. Kopfwackeln, Schunkeln, Schaukeln) 
  • Selbstverletzung (z.B. Anschlagen mit dem Kopf an die Wand), 
  • Störungen der Aufmerksamkeit
  • Konzentrationsmangel
  • Schnelle Ermüdbarkeit, Leistungsschwäche 
  • Geringe oder fehlende Frustrationstoleranz
  • Aggressionen
  • Erhöhte Reizbarkeit 
  • Mangelnde soziale Integration
  • „Asoziales“ Verhalten (Verantwortungslosigkeit gegenüber sich und Anderen)
  • Verstärktes Daumenlutschen 
  • Körperliche Retardierung (z.B. Minderwuchs, Kachexie durch schlechte Ernährung)
  • Ungepflegtes Äußeres, mangelnde Körperhygiene 
  • Intellektuelle und emotionale Retardierung („Pseudodebilität“, Lernstörungen) 
  • Angstzustände (ängstlich-vermeidendes Verhalten) 
  • Geringes Selbstwertgefühl 
  • Mangelhaftes Gefühl von Geborgenheit und wenig Urvertrauen (bei Kindern) 
  • Eingeschränkte Kritikfähigkeit
  • Gesteigerte Empfindlichkeit gegenüber Kränkungen 
  • Zurückfallen auf eine frühere Entwicklungsstufe
  • Abbau kognitiver Fähigkeiten, erworbene Fähigkeiten gehen wieder verloren
  • Zurückgreifen auf frühere Verhaltensweisen

 

 

Hospitalismus / Deprivationssyndrom

Kinderheimkinder

Ich möchte hier eine Seite im Netz vorstellen, die mich sehr beeindruckt hat. Es geht um Kinderheimgeschichte, um Heimkinder, mit dem zeitlichen Schwerpunkt der zweiten Nachkriegszeit, das heißt, von 1945 bis in die 70er Jahre.

Diese Seite versucht ehemaligen Säuglingsheimkindern eine "innere Vorstellung" von dieser Zeit zu vermitteln. Denn die Lebensumstände in den Säulingsheimen der Nachkriegszeit war für diese Kinder oftmals katastrophal. Viele leiden heute noch unter den Folgen eines Deprivations-Syndrom und oder einer Posttraumatischen Belastungsstörung ohne zu wissen, woher ihre Beschwerden, Defizite stammen. 

Dipl.-Kfm. Dipl.-Soz. Dr. Carlo Burschel, selbst Betroffener, wollte eigentlich über seine Kindheit, über sein "Kinderheim", in dem er die drei ersten Lebensjahre verbrachte,  recherchieren. Heraus kam eine umfangreiche Arbeit, ein großes Archiv, gute Folien zur Fortbildung und eine sozialwissenschaftliche Forschungs- und Transferstelle zu dieser Thematik. Das kiha (Kinderheimarchiv) ist von ihm privat finanziert und darf kostenlos genutzt werden.

Da ich aus irgendeinem Grunde in meinem Leben nichts auslassen konnte, gehöre auch ich zu den Betroffenen. Das Verschweigen meines Aufenthaltes im Kinderheim hätte auch geklappt, denn die Erinnerungen sind gelöscht. Wäre da nicht ein Ereignis gewesen, was sich tief in meinem Gehirn einbrannte. 

Ich litt über Jahrzehnte unter einem Albtraum, in dem ich ausgesprochen realistisch immer wieder die gleiche Szene durchlebte. Als Kleinkind (ca 1,5 Jahre alt) war ich mit anderen Kindern und Betreuerinnen auf einem Spaziergang durch den Wald. Aus irgendeinem Grunde setzten mich unter Gejohle und lautem Gelächter Betreuerinnen auf einen Ameisenhügel der roten Waldameisen, drückten mich mit aller Gewalt in den Hügel und hielten mich so fest. Vermutlich wollten sie mich dafür bestrafen, dass ich mal wieder nicht laufen wollte (Da ich Klumpfüße hatte, fiel mir das Laufen schwer. Die Klumpfüße waren wahrscheinlich die Folge einer nicht erfolgreichen medikamentösen Abtreibung. War schon Scheiße zu dieser Zeit, unehelich, also ein Bastard zu sein. Daran hatte natürlich nur ich schuld, nicht meine arme Mutter. Sie war das Opfer meiner Hartnäckigkeit, überleben zu wollen). Ich schrie um mein Leben. Irgendwann rissen sie mich vom Ameisenhügel herunter und rannten mit mir zu einem nahen See, in den sie mich warfen. 

Zunächst waren meine Recherchen schwierig. Das Kinderheim befand sich in Ostberlin, damals DDR, aber ich lebte in Westberlin. Schließlich konnte ich beweisen, dass ich im Kinderheim war und meine Mutter musste es endlich zähneknirschend zugeben. Damit endeten meine Albträume schlagartig.

Später erfuhr ich, dass ich durch diesen Vorfall im Krankenhaus gelandet war. Im Krankenhaus nahm man an, dass Gesäß, Beine und Rücken großflächige Verbrennungen hatten. Ich wusste es besser. Hätten die damals im Krankenhaus geahnt, woher diese Verletzung wirklich stammte, hätten sie bestimmt Bilder für die Nachwelt geschossen, wie gut Haut aussieht, wenn man auf einem Ameisenhügel gesessen hatte.

Heute kann ich Ameisen beobachten und finde sie auch ganz spannend. Aber wehe, eine Ameise kommt mir zu nahe und an den Körper: Panikattacken. Auf Brennesseln reagiere ich überempfindlich. Seitdem Ameisensäure nicht mehr als Konservierungsmittel zugelassen ist, haben sich meine diversen Lebensmittelallergien drastisch verringert. Inzwischen kann ich auch in kleinen Mengen Erdbeeren und anderes Obst essen ohne sofort einen Hautausschlag zu bekommen, der an Masern oder Röteln erinnert. 

Mit Hilfe meiner Albträume konnte ich dieses krasse traumatische Erlebnis verarbeiten. Die anderen Erfahrungen in dem Kinderheim waren subtiler, aber anscheinend nicht viel besser, sonst würde sich mein Gehirn nicht radikal gegen jegliche Erinnerung wehren. Mich wundert es daher nicht besonders, dass ich die Seite von Dr. Burschel, die sehr objektiv und neutral ist, bei mir ungute Gefühle auslöst und ich sie mir auch nur wohl dosiert erschlossen habe.

 

 

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